Der Liquor wird als Ultrazentrifugat in den Plexus choroidei der vier Hirnventrikel gebildet. Er fließt durch das Foramen Magendie und die beiden Foramina Luschkae in die basalen Zisternen. Von dort teilt sich der Liquorfluss in zwei Richtungen auf:entweder in den Lumbalsack (absteigend) oder entlang des Kortex (aufsteigend). Über die Arachnoidalzotten in den Pacchioni-Granulationen wird der Liquor dann wieder ohne Filtration in den venösen Blutkreislauf aufgenommen. Das mittlere Volumen eines Erwachsenen beträgt etwa 140 ml bei einer täglichen Produktion von ca. 500 ml bei einer durchschnittlichen Flussgeschwindigkeit von 0,3 ml/ml
Entstehungsart und - ort sowie die Richtung des Liquorflusses legen nahe, dass der Lumbal-Liquor nicht für alle Hirnareale gleichermaßen repräsentativ ist. Die über den Liquor zugänglichen Hirngebiete werden daher auch als das „liquor-analytische Gehirn“ bezeichnet. Zu den für die Liquor-Diagnostik gut zugänglichen Hirnarealen gehören:
Daraus folgt, dass insbesondere die folgenden genannten Erkrankungen über die Liquoranalyse diagnostizierbar sind:
Demgegenüber werden bei kortexnahen sowie sub- und epiduralen Prozessen sowie Erkrankungen aus dem Versorgungsgebiet der Arteria carotis meist normale Liquorbefunde erhoben. So kann bei einer schweren bakteriellen Entzündung im Frontal- bzw. Parietalhirn die Pleiozytose im Liquor fehlen!
Je nach klinischer Fragestellung wird die Indikation zur Gewinnung von Liquor durch Lumbalpunktion, seltener durch Ventrikel– oder Subokzipitalpunktion gestellt. Shuntliquor stellt eine weitere Besonderheit dar.
Bei jeder Punktion sollte eine möglichst große Menge an Liquor gewonnen werden; die Abnahme in mehreren Gefäßen (fortlaufende Nummer vergeben!) ist sinnvoll. Zu jeder Liquorgewinnung sollte parallel eine Blutentnahme (ca. 5 - 10 ml Serum) erfolgen, da die Beurteilung von Untersuchungen aus Liquor häufig nur durch Bezug auf das Messergebnis für diesen Parameter im Blut erfolgen kann (siehe einzelne Parameter).
Grundsätzlich muss der gewonnene Liquor schnellstmöglich in das Labor transportiert werden. Liquorzellen zeigen bereits schon 2 Stunden nach der Punktion signifikante Alterungserscheinungen; ein zu langer Transport gefährdet daher die korrekte Bestimmung der Zellzahl sowie die sichere morphologische Beurteilung des Liquorzellbildes.
Für die mikrobiologische Diagnostik ist aufgrund der Labilität der Erreger auf einen Transport bei 37°C in einem sterilen Gefäß zu achten. Bei drohendem Zeitverzug kann auch ein Teil des Liquors in einem entsprechenden Kulturmedium (Blutkulturflasche) transportiert werden.
Es sollte jedoch immer Nativliquor für die Erstellung eines Gram-Präparates sowie die Durchführung weiterer Untersuchungen mitgeschickt werden. Für alle klinisch-chemischen, serologischen und immunologischen Untersuchungen sollte der Liquor bei +4°C - +8°C transportiert bzw. gelagert werden. Die insgesamt notwendige Probenmenge kann aus der Übersichts-Tabelle unter Punkt 10 entnommen werden.
Im Rahmen einer Stufendiagnostik kann die Notwendigkeit von Nachforderungen bestehen. Daher erfolgt bei uns im Labor grundsätzlich bei allen eingeschickten Proben die Langzeitlagerung von Liquor und Serum in einer Liquor/Serum-Bank bei –70°C für etwa 6 Monate.
Die Aussagekraft der Ergebnisse von Untersuchungen des Liquors hängt auch wesentlich von der Fragestellung und dem Zeitpunkt der Punktion innerhalb des Krankheitsverlaufes ab. Es werden die erste diagnostische Punktion sowie Verlaufspunktionen (2. bzw. 3. diagnostische Punktion) unterschieden. Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über wichtige Konstellationen bei der ersten diagnostischen Punktion:
| Erkrankung | Zeitpunkt Punktion | Aus- sehen | Zellen (n/ml) | Bemerkung |
| Eitrige Meningitis | 1./2. Tag | eitrig | > 800 Neutrophile | rasch zunehmende Somnolenz, Halbierung der Zellzahl bei wirksamer Antibiose |
| Apurulente bakterielle Meningitis |
2./3. Tag | trans- parent | wenige Neutrophile |
verschleppte Diagnostik; Anstieg der Zellzahl bei wirksamer Antibiose |
| Primär septische bakterielle Meningitis |
1. Tag | trans- parent | Ø (Bakterien!) | Hautblutungen, foudroyanter Verlauf |
| Tuberkulöse Meningitis | 1./2. Woche | trans- parent | mehrere 100 mono-nukleäre Zellen |
Bakterien- nachweis gelingt selten (PCR notwendig) |
| 2./3. Woche | trans- parent | mehrere 100 | IgA-Synthese oder Ig-Switch: QIgG > QIgA → QIgA > QIgG | |
| Virale Meningitis | 2./4. Tag | trans- parent | < 800 Lymphozyten |
bei früher Punktion: Neutrophile > Mononukl. Zellen |
| Subarachnoidal- blutung | 1./2. Tag | blutig, xantho- chrom | Reizpleo-zytose | blutiger Liquor |
Der Beginn der Symptomatik bestimmt häufig den Zeitpunkt für die erste diagnostische Punktion:
| 1./2. Tag | bei | eitriger Meningitis |
| 3.-5. Tag | bei | viraler Meningitis |
| 3.-5. Tag | bei | Guillain-Barré-Polyradikulitis |
| 5.-7. Tag | bei | grippalem Vorstadium der Herpesenzephalitis |
| 2.-3. Woche | bei | tuberkulöser Meningitis. |